Ein Jahr Schiene: All you can see mit der Bahncard 100.

Vor einigen Tagen landete ein Briefumschlag der DB auf meinem Schreibtisch. Beim Öffnen zeigte sich Stück schwarzgrünes Plastik – die Ablösung für jene Bahncard 100 ist angekommen,  die heute ungültig wird. Das Kärtchen verspricht innerhalb bundesdeutscher Grenzen grenzenlose Mobilität und kann dieses Versprechen auch meistens halten. 365 Tage exzessives Reisen durch die Republik liegen hinter – und die nächsten 365 Tage vor mir. 4548,- EUR jährlich kostet der Spaß, der sich stark nach Freiheit anfühlt.

Ein Jahr Gleise, so viel man schafft: All you can see – mit der Bahncard 100

Stell dir vor, du stehst an einem Bahnhof mitten in Deutschland, sagen wir Hannover. Und du hast die freie Wahl. Wohin soll es gehen? Käffchen in Berlin? Übernachten in München? Kunden besuchen in Düsseldorf? Oder Sonne genießen in Hamburg? Alles ist möglich.

Alles klar?

Und weil du deinen monatlichen (wenn nicht sogar jährlichen) Obolus schon entrichtet hast, musst du dein Portemonnaie nur zücken, um dem Zugbegleiter dein Ticket zu zeigen. Bezahlen entfällt. Du steigst also in das Rollmaterial deiner Wahl, die Türen schließen sich und dein Zug setzt sich in Bewegung. Eine Stimme begrüßt dich und die anderen Mitreisenden – mal charmant und freundlich, mal krächzig und lustlos. Meistens folgt auf die Begrüßung und Zusammenfassung der Reiseroute eine Einladung ins Bordbistro, „wo das Zugpersonal Sie gerne erwartet“. Vergiss aber nicht deine Geldbörse, denn dort endet die finanzielle Entbindung mit einem Schlag: dort gibt es für knapp zehn Euro ein paar Rosmarinkartoffeln, die ebenfalls knapp den Boden eines kleinen Plastikschälchens bedecken.

Dinner für den hohlen Zahn: ein kleiner DB-Snack für ’nen schlappen Zehner.

Wenn dir der Preis für die Verpflegung zu hoch ist, schau gerne mal auf der Toilette vorbei, gelegentlich genügt der Besuch dort, um deinen Appetit einzudämmen. Doch meistens sind die Klos auf den Fernstrecken ganz ok.

Erst gucken sie. Dann lachen sie. Dann ärgern sie sich. Denn sie stehen. Und du sitzt.

Nach einem Jahr quer durch’s Land ist eines klar: in ganz Deutschland bewegen sich die Menschen ähnlich: in Stuttgart und München rennen die Leute morgens genauso lächerlich durch die Bahnhöfe, wie in Berlin, Hamburg und Hannover. Keuchend, schwitzend, teils mit panischen Gesichtsausdrücken. Abends ab 17 Uhr ein ähnliches Bild. Dann aber etwas entspannter und mit etwas mehr Alkoholgehalt in der Luft. Eines ist mir persönlich aufgefallen: das grenzenlose Reisen, lässt auch das Denken grenzenlos werden. Plötzlich hält man Dinge im Geschäftsleben für möglich, bei denen andere wiederum nur mit dem Kopf schütteln.

Deutsche Bahn: endloser Spaß.

Aber keine Sorge: auf den Reisen mit der Deutschen Bahn ist auch für Begrenztheit genug Platz. Pöbelnde und gröhlende Fahrgäste, denen man die Leviten lesen muss, wenn kein Polizist an Bord ist. Prollende Geschäftsleute, die kleinen Püppchen ihre edlen Zeitmesser präsentieren. Kreischende Kinder und schnarchende Greise. Oder der eine oder andere Fahrgast, dem die Fahrt nicht bekommt und der vor dir auf die Knie sinkt, um sich daraufhin in die Waagerechte zu begeben. Toll, Weg versperrt. Was soll’s? Du wirst dann natürlich erste Hilfe leisten, Traubenzucker anfordern, Wasser anfordern, Leute delegieren, die nach einem Arzt im Zug suchen sollen.

Reisen verpflichtet eben.

Schienenersatz nach Unwetter: Gleise wird jetzt Straße.

Sicher ist nur eines. Ankommen wirst du immer. Mal mit ein paar Stunden Verspätung. Mal im Bus. Mal im Taxi.

Ist dein Akku mal leer, dann füll ihn auf. Strom ist meistens vorhanden. Zwischen dem Sitz am Fenster und dem Sitz am Gang findest du eine Steckdose. Zieh dir den Saft, der deinen Rechner oder dein Handy zum Leben erweckt, während du ein Päuschen machst.

Bahnfahren bedeutet in einem rollenden Büro unterwegs zu sein. Bahnfahren bedeutet auch ausgesprochen angenehmen Zugbegleitern zu begegnen, die hier und da mal einen Spaß auf den Lippen haben. Bahnfahren bedeutet das Portemonnaie zu verlieren, wenn ein Dieb mit im Abteil sitzt. Letztlich aber bedeutet Bahnfahren auch, sich ausruhen zu können, wenn andere gestresst ihr Auto von A nach B jagen.

Entspannt mit 300 durchs Land.

Bahnfahren bedeutet, in sechs Stunden von Hamburg bis nach München. Bahnfahren bedeutet Geschäftspartner zu treffen, denen man aus logistischen Gründen sonst nur sehr selten begegnen würde.

Fazit zu einem Jahr Bahncard 100:  Reisen ja. Speisen nein.